Im ersten Teil habe ich das Thema ganz kurz gestreift. Mir wurde durch einen Kommentar klar, wie wenig Platz die heftigsten Erwartungen erhalten haben, und deshalb gibt es jetzt dazu einen extra Teil.
Woran merkst du diese Erwartungen?
- Wenn du dich immer wieder innerlich oder auch laut kritisierst: „Ich bin dumm. Ich kriege das nie hin. Ich kann das nicht. Ich mache nur Blödsinn.“
- Wenn du dich ständig entschuldigst, obwohl dir nichts getan wurde.
- Du fühlst dich einfach schuldig schon bei kleinsten Unstimmigkeiten.
- Du opferst dich für andere auf. Du machst alles, um andere glücklich zu machen.
- Du beginnst vieles nicht, weil du dich nicht gut genug dafür findest.
- Du übernimmst dich regelmäßig und leistest mehr, als dir wirklich guttut.
- Du hast hohe Ansprüche an dich und stehst mit einer Peitsche hinter dir selbst.
- Du bist oft angespannt.
- Du nutzt oft Sätze wie „Ich muss/soll…“
- usw.
Welche Punkte hast du innerlich erklärt, entschuldigt oder verteidigt beim Lesen?
Wir sind auf diese Erwartungen so sehr gewöhnt, dass wir sie als unsere Identität ansehen und dementsprechend behandeln. Die Frage, ob wir sie verändern können, wollen wir gar nicht hören. Schon auch deswegen nicht, weil dann unser Bild von uns und der Welt erschüttert wird und das ist schwer auszuhalten.
Oft kommen dann Vorwürfe, weil wir merken, was wir nicht verändert haben, obwohl das möglich gewesen wäre.
Erwartungen entstehen, weil wir sie in dem Moment brauchen. Meist ist der Grund irgendwo dazuzugehören, angenommen oder geliebt zu werden. Und da wir für Liebe bereit sind, alles zu tun, weil wir glauben, sie nur im Außen zu finden, legen wir uns Ketten an, erklären sie und schleppen das Ganze Leben mit uns.
Im nächsten Schritt möchte ich dir einen Weg zeigen, deine Erwartungen aufzudecken und zu beginnen, sie zu wandeln.
Wichtig!
Ab hier bitte nur weiterarbeiten, wenn du psychisch stabil für die Auseinandersetzung bist oder eine Begleitung hast, die dich auffängt, wenn es nötig ist.
Radikale Ehrlichkeit
Ich möchte, dass du als Erstes ein paar Minuten Zeit nimmst. Schließe die Augen und atme ein paar Mal tief durch. Lass den Alltag kurz beiseite und konzentriere dich auf deine innere Stimme. Stelle dieser Stimme folgende Fragen:
- Wo verurteilst du dich?
- Was verbietest du dir?
- Welche negativen Eigenschaften schreibst du dir zu? Wieso?
- Wo bist du sehr hart mit dir?
- Was erlaubst du dir gar nicht?
- Wozu zwingst du dich täglich, obwohl es dir nicht guttut?
- Wo glaubst du, keine Wahl zu haben?
Nimm dir dann die Zeit, diese Fragen auch schriftlich zu beantworten. Schreibe alles ohne Zensur auf. Du musst es ja niemandem zeigen. Aber nur, wenn du ganz ehrlich zu dir bist, kannst du wirklich etwas bewirken.
Manche Erkenntnisse werden schmerzhaft sein. Trauer, Wut und Verzweiflung können auftreten. Fühle sie, beobachte ihren Ursprung in deinem Körper und schreibe deine Beobachtungen auch auf.
Wenn es zu viel wird, mache eine Pause, putze, koche, gehe spazieren, rufe eine Person an und rede über etwas anderes, um dich auf andere Gedanken zu bringen. Kehre dann wieder zurück, wenn deine Ressourcen es erlauben.
Dieser Schritt ist der schwierigste von allem. Radikal ehrlich zu sein und zu erkennen, wo du dir selbst im Weg stehst und gestanden hast, kann deine innere Welt aufwirbeln. Trotzdem ist es wichtig, Zeit zu nehmen und durch dieses innere Chaos zu gehen.
Du musst es aber nicht alleine tun. Suche dir Menschen, die dich auf dem Weg begleiten können. Ob diese Person aus deiner Umgebung kommt oder eine professionelle Begleitung ist, ist egal. Wichtig ist, dass du dich bei ihr wohl und sicher fühlst.
Dankbarkeit
Da du dir jetzt zugestanden hast, welche Erwartungen du an dich stellst, wird es Zeit zu danken. Diese Erwartungen haben dir oft geholfen, auch wenn sie heute bremsen. Du hast sie mal gebraucht. Stell dir die Frage: Was hätte ich ohne sie nicht geschafft? Wo ginge es mir schlechter?
Schreibe alles auf, was dir einfällt. Nimm die Frage auch in den Alltag mit und stelle dir immer wieder: Wofür war es mal gut?
Es bringt nichts, auf Kriegsfuß mit dem zu sein, was war. Und um etwas zu verändern, ist es wichtig zu lernen, das, was ist, anzunehmen und auch die nützlichen Seiten des Ganzen zu sehen.
Die Wandlung
Du hast deine inneren Ketten erkannt und auch rausgefunden, was sie für dich repräsentieren und wofür du sie brauchst. Jetzt nimmst du diese Erkenntnisse, die du aufgedeckt hast, und überlegst dir:
- Was hätte ich damals in der Situation gebraucht?
- Wie hätte ich noch handeln können?
- Was hätte mir geholfen, bei mir zu bleiben?
- Wie kann ich die Bedürfnisse selbst füllen?
- Wie kann ich mir die Ressource aneignen, die ich brauche?
- Welche konkreten Handlungen bringen mich weiter?
Frage dich immer wieder, schreibe deine Ideen auf und probiere sie Schritt für Schritt im Alltag aus.
Mein Fazit
Wenn du innere Klarheit hast, dich kennst und verständnisvoll gegenüber dir bist, wirst du lernen, mehr auf dich zu achten. Deine Handlungen werden freier und echter, ganz von selbst.

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