Rücksicht auf andere: JA!
Eigene Grenzen setzen: NEIN!
So bin ich aufgewachsen. Ich lebte lange für andere und dachte, es gäbe nur diesen einen Weg. Bei mir ging es so weit, dass ich mir ganze Charakterzüge aneignete. Ich dachte lange, ich sei extrovertiert, weil es von mir erwartet wurde. Erst während der Biografie Ausbildung wurde mir klar, wie sehr ich die wenigen Stunden schätzte, in denen ich allein war, und wie gut sie mir taten. Oder dass mich große Gruppen und Lärm sehr viel Kraft kosteten, anstatt mich aufzuladen. Dafür bereicherten tiefe Gespräche mit einzelnen Personen meine Welt stark.
Es war schon heftig herauszufinden, dass ich mich so sehr zurückgesetzt hatte. Es tat verdammt weh.
Ich musste lernen, genau hinzuschauen, wer ich bin. Ich begann, Rücksicht auf meine introvertierte Seite zu nehmen, bin seitdem immer wieder allein und genieße es sehr. Auch in meiner Arbeit konzentriere ich mich auf Einzelberatungen oder Gruppen mit höchstens 10 Personen, damit ein Austausch entstehen kann. Größere Gruppen oder Vorträge kommen nur sporadisch infrage. Ich muss ja auch immer beachten, dass ich einen Sohn habe, bei dem ich nicht immer ausklinken kann. Diese Balance zwischen Innen und Außen zu beachten, ist für mich ganz wichtig geworden – für meinen eigenen Frieden.
Dann ist da das Thema Grenzen setzen. Ich kann inzwischen „Nein“ zu Treffen oder Projekten sagen, die für mich nicht stimmig sind. Ich höre dabei auf meinen Bauch. Aber gerade in diesen Tagen merke ich, dass ich in manchen Bereichen noch nicht gefestigt genug bin.
Mein Sohn überschreitet meine Grenzen in den letzten Tagen oft – nicht aus Böswilligkeit, sondern aus Spaß. Trotzdem ist das nicht in Ordnung. Ich gebe zu: Ihm gegenüber habe ich nicht genug Grenzen gesetzt, weil es in meinem Kopf noch das Bild gab, dass ich mich als Mutter aufgeben müsse und meine Bedürfnisse nicht wichtig genug seien.
Jetzt kracht dieses Bild aber mit meinem neuen Selbstbild zusammen. Und ich darf lernen, für mich und meinen Sohn einen Weg zu finden, um eine gute Beziehung mit gesunden Grenzen und Rücksicht aufzubauen.
Wie mache ich das?
Ich nutze dazu Beispiele aus seinem Leben. Ich erkläre ihm, dass es für mich genau so sich anfühlt wie für ihn, wenn andere seine Grenzen nicht achten, obwohl er sie kommuniziert hat.
Die Bücher von Kati Naumann „Monika Häuschen“ sind auch sehr hilfreich. Darin geht es um die Freundschaft zwischen einer Schnecke, einem Regenwurm und einem Graugänserich. Sie haben Konflikte und sind nicht immer einer Meinung, aber sie wachsen gemeinsam an dieser Reibung. Ich verbinde die Geschichten mit ihm beim Lesen auch mit unserem Alltag, wenn bei uns etwas Passendes passiert ist. Lustigerweise hatten wir auch mal die passende Geschichte, als ich vor ein paar Tagen mit ihm einen „Krach“ hatte: Der Reh „Resi“ fand es blöd, dass er Rücksicht auf das Neugeborene nehmen musste und nicht heimdurfte, damit er den Aufenthaltsort seiner Schwester nicht verrät. Aber dann hatte die Schnecke Monika einen Aurorafalter umrundet, weil dieser gerade erst geschlüpft war – seine Flügel waren noch nicht trocken, und er konnte nicht ausweichen. Reh Resi dachte: „Auch eine Schnecke muss auf andere Rücksicht nehmen.“ Der Reh Resi war auch sehr traurig, und der Graugänserich fragte ihn, ob seine Mama mit ihm geschimpft habe, weil das ihn auch traurig macht, wenn es passiert.
Nach der Geschichte und den Gesprächen darüber gehen wir ins Bett mit einem gelösten Konflikt. Wir haben unsere Situation einfach damit verglichen und besprochen, was uns wichtig ist oder warum wir etwas tun.
Ich möchte auch hinzufügen:
Wenn es um Fremde geht, kann mein Sohn Rücksicht nehmen und Grenzen setzen – so wie ich. Aber wenn es um die Familie geht, wird es auf einmal schwierig. Und da sehe ich, welche Vorbildfunktion ich wirklich erfülle und warum es so wichtig ist, dass ich selbst alles lerne, was ich meinem Sohn wünsche.
Was ich dir damit mitgeben will?
Vielleicht hast du kein Kind, aber du bist immer jemandem ein Vorbild. Und du entscheidest, in welche Richtung du dich und andere inspirierst. Wenn du beginnst, auf dich zu achten und dich selbst kennenzulernen – deine eigenen Grenzen –, kannst du anderen neue Wege aufzeigen.
Ich finde, das ist unsere wichtigste Aufgabe in der Gesellschaft: Uns zu entfalten und unserem Kern treu zu bleiben. Je mehr Menschen es tun, desto schöner wird unser Miteinander. Wir brauchen dann keine Verbote mehr, weil wir wissen, was wir gut können. Wir können andere respektieren, weil wir uns selbst diesen Respekt entgegenbringen. Wir können alle loslassen und ein bewusstes Miteinander aufbauen, Konflikte als Chancen sehen und vieles mehr.
Und all das beginnt mit dir und mir und allen anderen. Jeder von uns trägt zu dieser bewussten, starken Gesellschaft bei.
Meine Frage an dich:
Bist du bereit, das Vorbild für dich und andere zu werden, das du dir immer gewünscht hast?

Kommentar schreiben