Diese innere Anspannung, wenn jemand etwas ausspricht und du das Gefühl hast, zu etwas gedrängt zu sein. Du weißt nicht, was das ist, aber du weißt, wohin es führt, wenn du es nicht herausfindest.
Ich schrieb im letzten Beitrag über die Erwartungen, die wir an andere und an uns selbst haben. Aber was ist mit den Erwartungen anderer an uns?
- Was erwartet der Partner, deine Eltern, dein Kind, deine Freunde, der Chef, der Kollege und die Kollegin?
- Wer spricht diese Erwartungen offen aus, wer nicht?
- Wie viele dieser Erwartungen erfüllst du täglich? Wie viele davon tun dir wirklich gut?
- Was passiert, wenn du diesen Erwartungen nicht gerecht wirst? Welche „Strafen“ gibt es dafür?
Das Erwartungsspiel
Kinder sind voller Erwartungen an uns Erwachsene. Sie erwarten, dass wir ihre Gefühle verstehen, ihren Schmerz nehmen, alles reparieren, alles besorgen usw.
In den ersten Jahren erleben sie ständig Enttäuschungen, weil wir nie alles tun können. Das wäre an sich kein Thema. Wenn sie bei dieser Entwicklung begleitet werden, lernen sie Schritt für Schritt, je nach ihrem Stand, Verantwortung für sich zu übernehmen.
Was aber ein großes Problem ist: Wir Erwachsenen versuchen, die Erwartungen auch dann noch zu erfüllen, wenn das Kind schon längst in der Lage ist, dies selbst zu tun. Somit nehmen wir ihnen ein Stück Freiheit und Selbstverantwortung.
Es gilt aber auch umgekehrt. Die Eltern haben eine Menge Erwartungen an die Kinder. Zum Beispiel sollen sie dankbar für alles sein oder schweigend alle Aufgaben erledigen, die sie vorgelegt bekommen. Die Erwartungen liegen oft über die Möglichkeiten des Kindes. Vieles, was wir erwarten, schaffen wir nicht einmal selbst.
Statt Verständnis wird dann bestraft, die Enttäuschung gezeigt und somit ein neuer Erwachsener geformt, der sich kaputtmacht bei der Erfüllung aller Erwartungen, nur um Ablehnung zu vermeiden.
Erwartungen und der Umgang damit erzeugen Angst. Und Angst ist keine gute Basis für Beziehungen.
Spätestens hier empfehle ich dir, meinen ersten Beitrag dazu zu lesen und dich mit deinen eigenen Erwartungen auseinanderzusetzen, wenn du es noch nicht getan hast.
Umgang mit anderen
Auch wenn du schon aus diesem Teufelskreis der Erwartungen raus bist, weißt, was dir wichtig ist, und dies auch klar kommunizierst, bedeutet das nicht, dass die anderen automatisch dasselbe tun. Wenn du es erwartest, dann weißt du, wo das Thema liegt.
Was aber sehr wohl passieren kann, ist, dass du diese unterschwelligen Erwartungen heraushörst, auch wenn sie nicht ausgesprochen werden. Und hier beginnt die Veränderung, die du in deine Beziehungen bringen kannst.
1. Frage nach
Dein Partner kommt nach Hause und sagt: „Hier ist Unordnung.“ – Verstehe ich richtig, dass du willst, dass ich aufräume? Oder: Was genau willst du damit sagen? Wer soll was tun?
Oder dein Chef beschwert sich bei dir darüber, wie viele Aufgaben liegen bleiben, weil XY sie nicht macht. – Erwarten Sie von mir, dass ich sie übernehme? Oder: Was soll mit diesen Aufgaben geschehen? Welche Ideen haben Sie?
Wichtig ist, dass du nicht sofort etwas übernimmst oder dich dazu äußerst, sondern durch Fragen klarstellst, welche Erwartungen hinter den Aussagen stecken.
Damit hast du einen Schritt zur Klarheit gemacht. Wenn dein Gegenüber bereit ist, die eigenen Erwartungen auszusprechen, kannst du damit weiterarbeiten.
Wenn nicht, dann ist es egal, wie sehr du dich anstrengst, ob du diese Erwartungen erfüllst oder nicht, oder das Ganze immer wieder ansprichst – es wird sich nichts ändern. Es tut mir leid. Es gehören immer zwei dazu.
2. Deine Antwort
Wir gehen jetzt davon aus, dass die Erwartungen klar und deutlich auf dem Tisch liegen. Jetzt ist es wichtig, klarzustellen:
- Was macht diese Erwartung mit dir?
- Wie weit bist du gewillt, sie zu erfüllen?
- Welche Bedingungen braucht es?
- Wie oft willst du dieser Erwartung nachgehen?
- Liegt es überhaupt in deiner Verantwortung oder nimmst du damit jemandem Verantwortung ab?
- Reichen deine Ressourcen und Kompetenzen überhaupt aus? Hast du genug Zeit, Energie usw.?
Nachdem du diese Fragen für dich beantwortet hast, geht es darum, eine Entscheidung zu treffen, wie du damit umgehst und ob du diese Erwartung erfüllst oder nicht.
Ich persönlich erfülle Erwartungen anderer gar nicht mehr. Was ich aber gerne tue: Wenn mich jemand um etwas bittet und ich es erfüllen kann, weil die Ressourcen und Kompetenzen da sind, mache ich es gern. Die Bedingung ist aber, dass der andere das auch gleich mitlernt, mitmacht, eine Lösung für die Zukunft sucht und sich auf irgendeine Weise beteiligt. Nur so kann ich die Selbstverantwortung des anderen fördern, meine eigene Selbstverantwortung und Klarheit stärken und eine Beziehung aufbauen, in der beide Parteien sich auf Augenhöhe begegnen.
Wichtig: Die Bedingung soll keine Erwartung sein. Mir geht es dabei darum, mich selbst nicht zu verlieren und in ungesunde Dynamiken zu rutschen. Manchmal braucht es keine Bedingung, weil es um eine einmalige Sache geht und die Person sich dann selbst weiterkümmert. Bedingungen stelle ich nur, wenn ich merke, dass es darum geht, die ganze Verantwortung dafür zu übernehmen.
3. Konsequenzen
Egal, wie du dich entscheidest, es wird Konsequenzen nach sich ziehen. Hier geht es auch darum, für dich selbst klarzustellen, ob du bereit bist, es auszuhalten, wenn dein Gegenüber ein Nein nicht akzeptiert.
Gerade in Beziehungen, in denen schon eine Abhängigkeit besteht, ist die Angst da, dadurch in Schwierigkeiten zu geraten, einen Streit oder einen Konflikt zu provozieren. Wer will schon von anderen gern als jemand Böses hingestellt werden? Wer will Ablehnung erfahren?
Wenn du merkst, dass du viel Angst hast, kannst du hier wieder nachfragen, was die Person über dich denkt, wenn du die Erwartung nicht erfüllst, oder mit welchen Konsequenzen du rechnen musst. Erst wenn du die Antwort kennst, teilst du deine Entscheidung mit.
Und ja, wahrscheinlich wirst du am Anfang noch dich verbiegen und doch die Erwartung erfüllen, weil du merkst, dass die Kraft für das Aushalten dieser Konsequenzen gerade fehlt. Aber dann machst du es trotzdem bewusst und nicht mehr ferngesteuert. Du reagierst nicht einfach, sondern handelst aktiv aus eigener Überzeugung, weil du glaubst, dass das im Moment das Beste für dich ist. Und dann ist es auch genau richtig.
Mein Fazit
Fragen fördern Klarheit in der Kommunikation und damit in Beziehungen. Klarheit fördert Selbstverantwortung und hilft uns, in aktives Handeln zu kommen. Wir übernehmen die Zügel unseres Lebens.

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