Erwarte nicht, handle! - Teil 1

  • Wie oft bist du in deinen Beziehungen wütend, frustriert oder unglücklich, weil du glaubst, andere tun nicht das, was sie sollten?
  • Wer soll dich glücklich machen, sich um dich kümmern oder dich unterstützen?
  • Was ist der Anspruch an dich?

Erwartungen sind eine gemeine Falle, die unser Leben stark einschränken, Beziehungen vergiften, vermeidbare Konflikte auslösen und uns regelmäßig über unsere Grenzen hinaus treiben.

 

Manche sagen, Erwartungen seien Motivation und brauchten diese Antriebskraft. Ich sage, sie machen mich und meine Mitmenschen kaputt.

 

Ich glaube, solange ich erwarte, kann ich nicht klar handeln. Dieses Warten darauf, dass andere mich retten, für mich Dinge tun oder sich so verhalten, wie es für mich am besten ist, und dass ich heute auf einmal viel besser bin als gestern, nimmt mir die Lebensenergie und führt nur zur Reaktion statt zur Aktion.

 

Wenn ich stattdessen jeden Tag einfach handle, agiere, aktiv reflektiere und weiterhandle, dann werde ich im Rückblick wirklich Veränderungen sehen. Erst dann passiert wirklich etwas.

Eigene Beispiele

Bevor ich begann, an mir zu arbeiten, und auch noch am Anfang dieser Reise war ich voller Erwartungen und hatte davon keine Ahnung.

  • Ich habe mir gewünscht, dass andere mich verstehen und ernst nehmen. – Heute setze ich alles dafür ein, mich selbst zu verstehen, meine Sehnsüchte, Wünsche, Werte und Bedürfnisse ernst zu nehmen und danach zu handeln.

 

  • Ich war oft frustriert, wütend und traurig, weil ich nicht die nötige Unterstützung bekam und glaubte, allein gelassen zu sein. – Heute rufe ich mir immer wieder ins Gedächtnis, dass ich meine größte Stütze bin. Wenn ich mir selbst nicht helfe, kann es auch kein anderer vermögen. Ich kann aber einstehen, wenn ich allein nicht weiterkomme, und um Hilfe bitten. Ich erwarte jedoch nicht mehr, dass andere helfen wollen oder können. Manchmal fehlt noch der Mensch in meinem Umfeld, der mich begleiten könnte. Ich gebe aber nicht auf und nehme Absagen nicht persönlich. Sie sind auch nicht so gemeint.

 

  • Ich wollte, dass mein Partner mich glücklich macht. Und wenn er es nicht tat, war mir klar: Er liebt mich nicht. Er ist nicht der Richtige. – Was für eine Bürde habe ich anderen Menschen aufgetragen! Als könnten sie beeinflussen, wie ich mich fühle. Heute ist mir klar, dass mich niemand glücklich machen kann. Wenn ich unglücklich bin, wenn ich allein bin, dann werde ich es in einer Beziehung auch sein. Wenn ich merke, dass andere bestimmte Erwartungen an mich stellen, kläre ich auch klar, dass ich ihre Bedürfnisse nicht erfüllen kann. Beziehung ist heute gemeinsames Wachstum und funktioniert nur, wenn beide Parteien sich um sich selbst kümmern und dann gemeinsam aus dieser Basis etwas erschaffen. Solange der eine den anderen mitschleppen muss, bleibt eine Verbindung und Entwicklung auf der Strecke.

 

  • Alle sollten die gleichen Werte haben wie ich und sie bitte auch leben! Wenn mir Ehrlichkeit wichtig war, durfte niemand lügen. Oder wenn mir jemand zuhört, dann bitte nichts anderes dabei machen! Ich kenne auch Personen, für die Grüßen zur Höflichkeit gehört und das Wegbleiben gleich als Unhöflichkeit gewertet wird. – Heute, wenn ich merke, dass unsere Werte unterschiedlich sind, spreche ich das zuerst an und schaue, wo wir beide stehen. Danach können wir entscheiden, ob ein gemeinsamer Weg für uns aktuell vorgesehen ist oder nicht. Ich bin z. B. jemand, der gern früher losfährt und am Ziel ankommt. Ich mag diese Zwischenzeiten, in denen ich mich akklimatisiere und meinen Fokus neu ausrichte. Wenn ich sie nicht habe, dann habe ich ein angespanntes Nervensystem. Mein Ex ging immer in der „letzten“ Minute los. Er war immer pünktlich, aber mir fehlte dann meine Zeit zum Durchatmen. Das hat langfristig für sehr viel Ärger gesorgt. Heute verstehe ich seine Sichtweise und, dass es für ihn besser ist. Aber genau solche Unterschiede (das ist nur eines davon) haben nach der Arbeit an mir zur Trennung geführt. Heute, nach fünf Jahren, sagen wir beide, dass das am besten gewesen ist, und uns geht es als Team Eltern sehr gut, solange wir persönlich nicht viel miteinander zu tun haben. Deshalb gibt es nur getrennte Ausflüge, und wir machen zu dritt nur in Ausnahmefällen etwas gemeinsam.

 

  • Ich muss besser werden! Ich muss das schaffen! Ich muss erfolgreich sein! Ich muss… – Egal, was hinter den „muss“ stand, es blockierte mich, weil ich mich mehr auf die Erwartung konzentrierte und nach jedem Schritt unbewusst meine Ergebnisse verglich: Habe ich schon xy erreicht? Heute erwarte ich nichts. Ich treffe Entscheidungen, handle und reflektiere dann, was davon für mich gut war und was ich lieber lasse. Dann treffe ich neue Entscheidungen und handle. Meine Selbstständigkeit ist dafür ein gutes Beispiel: Das erste Jahr habe ich noch gewartet: Wenn die Blockade aufgelöst ist. Wenn die richtige Person mich sieht. Wenn… All diese Sätze sind versteckte Erwartungen an das Universum, an mich und andere. Erst als ich aufgehört habe zu planen und begann zu handeln, ohne zu erwarten, dass jemand darauf reagiert oder dadurch mein Leben sofort besser wird, habe ich echte Veränderungen erreicht.

Der wichtigste Schritt

Wenn ich dich angesprochen habe und du auch Lust hast, deine Erwartungen und Handlungen zu ändern, dann ist es wichtig, vorerst Klarheit darüber zu haben, wo du (er)wartest.

 

Beantworte schriftlich folgende Fragen und Satzanfänge:

  • Ich kann …. nicht, weil ….
  • Ich brauche noch …, um ….
  • Wo lege ich die Verantwortung für meinen Zustand in die Hände anderer? (Schimpfen im Verkehr gehört dazu.)
  • Welche Verhaltensweisen von anderen oder von mir lösen in mir Frust, Wut oder Trauer aus?
  • Wie gehe ich mit unterschiedlichen Meinungen um?
  • Welche Gedanken lösen in mir sofortige Anspannung oder Erschöpfung aus? Welche Erwartungen stecken dahinter?

Ich empfehle dir, mit diesem Schritt wirklich Zeit zu nehmen. Beobachte deinen Alltag, wie du mit dir und anderen interagierst, und schreibe alle Erwartungen auf, die du findest. Wenn es so wird wie bei mir und du merkst, dass es wirklich viele sind, kann das am Anfang bedrückend sein und scheint vielleicht unmöglich, etwas zu verändern.

 

Ich verrate dir etwas: Du hast schon durch die Aufdeckung etwas verändert. Klarheit über deinen aktuellen Status befreit oft die Energie, die für den Handlungsbedarf fehlte.

 

Du wirst auch sehen, dass es oft reicht, an einem Thema zu arbeiten, und manchmal lösen sich andere automatisch mit. Denn nichts steht für sich allein.

 

Wenn dir der innere Druck zu hoch wird, alles zu lösen und zu meistern, denk daran, dass du wahrscheinlich wieder etwas von dir erwartest. Niemand sagt, dass du alles lösen musst, nur weil es gerade nicht läuft. Bei mir läuft vieles noch nicht rund. Obwohl ich das weiß, bedeutet das nicht, dass ich es sofort verändere. Manche Themen brauchen Zeit, und manchmal fehlen auch noch die nötigen Ressourcen oder Menschen, um das Ganze anzugehen.

Handeln und reflektieren

  • Wo drückt am meisten der Schuh?
  • Was ist mir gerade wichtig?
  • Was kann ich tun?
  • Wie will ich das Thema angehen?

Stell dir jeden Tag öfter diese Fragen. Erst wenn du Antworten hast, die du heute wirklich ausführen kannst, beginne zu handeln.

Reflektiere deine Handlungen regelmäßig und prüfe sie auf Erwartungen:

  • Wo verspürte ich Druck?
  • Wo war ich frustriert, wütend oder traurig?
  • Wo erlebte ich Klarheit?

 

Ich mache das z. B. beim Schreiben meiner Texte. Wenn ich erwarte, dass Menschen auf meine Texte antworten oder mich deshalb buchen, kann ich nicht mehr frei handeln.

 

Wenn ich die Texte schreibe, weil ich sie wirklich will, unabhängig davon, ob die Außenwelt darauf reagiert, dann kann ich alles da reingeben. Mehr kann ich nicht beeinflussen.

 

Mein Fazit

Wenn du lernst zu handeln statt zu (er)warten, beginnst du zu gestalten statt zu kontrollieren.

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