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Ich bin...

 

Dieser Satz begleitet mich schon mein ganzes Leben. Ich spreche es selbst aus und höre von anderen. 

 

Sehr lange habe ich die perfekte Antwort darauf gesucht. Aber egal, wie ich mich bemühte, fand ich sie nicht. Dafür gab es Momente, in denen ich mich für die Antwort sogar schämte. 

 

Würden Sie sagen, dass Sie aus einem bestimmten Land sind, wenn Sie wüssten, dass Ihr Gegenüber genau dieses Land mit leichtem Mädchen verbindet? Gerade, wenn Sie selbst eine junge Frau sind? Ich war in dieser Situation und ich gebe zu geschummelt zu haben. Da meine Muttersprache ein anderes als die Landessprache war, sagte ich: Ich bin aus Ungarn. 

Sie könnten jetzt meinen, dass vollkommen unnötig so eine Lüge ist. Ich wollte damals einfach nur das unangenehme Gespräch entrinnen. Ich wollte nicht für das verurteilt werden, wofür ich nicht mal kann. 

 


"Wir werden oft nach Kriterien beurteilt, die nicht mal wir gewählt haben."


Was bedeutet das?

 

Die meiste "Ich bin" Sätze sind Rollen, die wir in unserem Leben ausfüllen. 

Wenn ich gerade mit meinem Sohn unterwegs bin, bin ich in den Augen anderer eine Mutter. Beim Einkaufen könnte jemand mich als Hausfrau sehen oder für die VerkäuferInnen bin ich die Käuferin.  

Hand auf Herz: wenn Sie zu FriseurIn gehen, denken Sie an die Person dahinter oder nur auf die Rolle, die Sie in Ihren Augen in dem Moment ausfüllt? Kennen Sie den Namen Ihrer FriseurIn? Wissen Sie, wer die Person tatsächlich ist? 

 


"Wir identifizieren uns mit dem, was wir tun und denken zu sein."


Die Rollen des Lebens

Der größte Schaden entsteht dann, wenn wir uns mit einer Rolle im Leben nach der eigenen und der Erwartung anderer identifizieren, obwohl die nicht zu uns passt.

Dies passierte mir, als ich Mutter geworden bin. Ich fand mich gar nicht zurecht, aber ich versuchte mich trotzdem hineinzuzwingen. Es ging so weit, dass meine Gesundheit sich rapide verschlechterte und niemand konnte sagen, was los ist. 
Das war die intensivste Zeit auf der Reise zu meinem "Ich bin".

 

Ich fand heraus, wie wichtig es ist von den Vorstellungen zu lösen und aufhören, eins damit zu sein. Ich lernte das Leben, als Bühne zu sehen und begann die Rollen, die mir das Leben, die Gesellschaft oder ich selbst gab, so zu formen, dass sie zu mir passten und nicht ich in die Rolle.

Meine Rollen wurden flexibler und auch wenn ich gerade Mutter war, wusste ich, dass ich viel mehr als das bin. Denn am Ende entscheide immer ich, wer ich sein möchte und wie ich es lebe. 


"Wir sind voller Widersprüche, die uns erlauben alles zu sein, was wir wollen."


Zurück zum Anfang

Heute schäme ich für meine Herkunft nicht mehr. Ich weiß, dass sie nur ein winziger Teil von mir ist und verrät einfach nur, wo ich geboren bin, mehr nicht. 

Und egal, was andere Menschen dabei denken oder womit sie dies verbinden. Am Ende des Tages muss ich vor mir selbst Rechenschaft ablegen. Deshalb liegt es an mir, den Rahmen zu setzen, in dem ich mich betrachten werde.

Mit welchem Rollen identifizieren Sie sich? Welche passt wirklich zu Ihnen und wohin zwingen Sie sich hinein? Wenn Sie Ihre Rollen hier und jetzt neu schreiben würden, wie würden Sie aussehen? Was wäre anders? Was würden Sie behalten?

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Kommentare: 2
  • #1

    Irmgard (Dienstag, 05 März 2024 14:34)

    Oh ja, das kenne ich sehr gut!
    Als ich endlich, endlich geschieden war. Geschieden nach 23 Jahren Ehe und dankbar, dass ich (noch) gesund und frei war, hat es mich völlig überrascht und kalt erwischt, dass ich damit für bestimmte andere Personen (von denen ich es nie gedacht hätte) einen Stempel aufgedrückt bekommen habe und ich für diese ein Mensch wurde, mit dem man sich nicht abgibt. Die mich eiskalt abserviert haben.
    Für die ich zur Persona non grata wurde.

    Anmerkung: das war 2018!
    Das hatte mich sehr geschmerzt und sehr betroffen gemacht.




  • #2

    Hajnalka (Freitag, 15 März 2024 08:39)

    Liebe Irmgard,
    vielen Dank für das Teilen deiner Geschichte und ich gratuliere dir zum Mut, diesen Schritt getan zu haben.
    Im Alltag merken wir oft gar nicht, wie uns andere sehen. Erst wenn wir deren Bild "zerstören", kommt dies auf die Oberfläche. Man gehört auf einmal nicht mehr dazu und wird gemieden. Dies ist schmerzhaft und wir haben das Gefühl, allein zu sein.
    Es erfordert viel Ausdauer und Kraft, sich selbst treu zu bleiben, gleichzeitig ist es eine Chance, die Menschen in unser Leben zu ziehen, die uns genau so lieben, wie wir sind.